Rangordnung

Viele Leute glauben - auch ich habe das jahrelang geglaubt -, dass Ratten eine sehr einfache Rangordnungsstruktur besitzen: Es gibt ein Alphatier und alle anderen ordnen sich diesem unter.

Doch ganz so schwarz-weiß sieht die Rangordnungsstruktur eines Rattenrudels nicht aus.

Es gibt verschiedene Formen.

1. Despotie: Das ist die oben angeschnittene Variante. Es gibt ein Alphatier, welches alle anderen Rudelmitglieder dominiert. Nur das Alphatier hat das Sagen. Alle anderen Artgenossen stehen auf derselben Stufe unter ihm.

2. Lineare Hierarchie: Hierbei ist die Rangordnung quasi absteigend festgelegt. Also, die erste Ratte dominiert alle. Die zweite Ratte dominiert alle, außer die erste, die in der Rangordnung über ihr steht. Die dritte dominiert alle, außer die erste und die zweite und immer so fort.

3. zirkuläre Dominanz: Wie der Name schon sagt, bildet die Rangfolge einen Zirkel, also einen Kreislauf. Ratte A dominiert Ratte B. Ratte B dominiert Ratte C. Und Ratte C dominiert wieder Ratte A. So hat jeder einen ranghöheren, aber auch einen rangniedrigeren Artgenossen.

Während die Despotie relativ selten vorkommt, sind beide anderen Arten recht häufig vertreten.

Das ranghöchste Tier eines Rudels ist am inaktivsten. Es liegt quasi gerne herum und lässt sich sozusagen bedienen. In der freien Wildbahn hätte dieses Tier dann die Möglichkeit, alle Weibchen begatten zu können.

Der Rang steigt oder fällt, mit den Niederlagen oder Siegen eines Kampfes. Daher sind diese Kämpfe besonders bei Integrationen sehr, sehr wichtig. Ein Rudel kann eben nur funktionieren, wenn jede Ratte ihren Platz kennt.

Dabei kann es zu beißen, jagen, aufreiten und drohen durch Fell aufstellen kommen. Das Aufreiten ist eine Dominanzgeste. Der unten liegende ist im wahrsten Sinne des Wortes der Unterlegene.

Welche Rangordnungsstruktur ein Rattenrudel hat, hängt von vielen Faktoren ab. Zunächst natürlich davon, welche Charaktere zusammen kommen. Jede Ratte ist einzigartig. Und so beeinflussen Freundschaften innerhalb des Rudels natürlich auch die Rangordnung. Aber auch Gehegeart und -größe, Auslauf und Umgebungseinflüsse können die Rangordnungsstruktur beeinflussen.

Unterschiede zwischen Weibchen und Männchen

Wer schon mal beide Geschlechter gehalten hat, weiß, dass Jungs bei Integrationen oft etwas ruppiger vorgehen, als Mädels. Wie KAPPELER (2006) herausfand, streiten Jungs sich vor allem einfach um das Revier (Größe, Standort, Lieblingsplätze). Die Wildrattenjungs prügeln sich zudem noch um die Weibchen.

Mädels hingegen benötigen für ihre Aufzucht vor allem eins: Nahrung. Denn Nahrung = Energie. Und Energie = gesunde Babys. Nahrung spielt bei Weibchen also demnach eine größere Rolle, als bei Männchen. Futterneid kann daher bei Weibchen öfter beobachtet werden, als bei Böcken. Wobei Ausnahmen natürlich wie immer die Regel bestätigen.

Dominant aggressive Verhaltensweisen ließen sich bei weiblichen Ratten selten oder sehr wechselhaft beobachten. Dabei spielt auch der Zyklus des Weibchens eine Rolle. Uns Frauen wird ja oft gerne nachgesagt "Die hat ihre Tage", wenn wir schlecht drauf sind. Nur vergessen vor allem die Männer manchmal, dass die Hormone den Körper wirklich oft fest im Griff haben und so ist es bei Rattenweibchen auch.

Rattenweibchen reagieren bei einem Rangkampf ganz oft nicht mit Flucht, wie Männchen es tun. Weibchen schlagen gerne mal zurück. Sie sorgen dafür, dass der Kampf erneut aufflammt, während bei Jungs eine Runde vorbei ist, wenn der Unterlegene flieht (ADMAS & BOICE 1983).

ZIPORYN und MCCLINTOCK (1991) fanden heraus, dass Rattenweibchen, die sich in einem Bau begegnen ein Vorfahrts-Problem haben. Entweder, die eine geht zurück oder sie quetschen sich aneinander vorbei. Die Wissenschaftler nannten es "passing". Dabei ist die Ratte, die oben über die andere drüber kriecht die Ranghöhere. Beim sogenannten "passing" kann es sich um eine Rangordnungs-"Verhandlung" handeln. Quasi wie bei einem Rangkampf mit den Fäusten.

Die dominantere Ratte kriecht über die unterlegene hinweg und gewinnt diesen "Rangkampf" somit.

Man kann die Rangordnungsstrukturen bei Männchen viel einfacher beobachten, als bei Weibchen, wo vieles stillschweigend oder mit kryptischen Verhaltensweisen abläuft.

Jungratten

ADAMS und BOICE hatten 1983 in der Veröffentlichung ihrer Studie eine interessante Erkenntnis: Bei ihren Versuchen fanden sie heraus, dass Ratten in den ersten 3-4 Monaten nur spielerische Rangkämpfe austrugen, wobei die Gewinner und Verlierer immer wieder wechselten.

Erst ab einem Alter von 5 Monaten wurden diese Rangkämpfe langsam ernst und eine Rudelstruktur begann sich zu bilden.

Dies widerspricht der bisherigen Erklärung diverser Rattenexperten, dass Ratten ab einem Alter von 10 Wochen ein Revierverhalten bilden. Offenbar fängt dieses erst ab einem Alter von 20 Wochen an. Dies kann in der Heimtierhaltung von Ratten durchaus mitbedacht werden.

Quelle: Groß, K. (2012): Rangordnung bei Ratten. Mögliche Hierarchiestrukturen und Unterschiede hinsichtlich der Geschlechter. In: Rodentia 66, 2012, S. 40-43

Den ausführlicheren Artikel findet ihr hier: Rattenkultur - Die Rangordnung bei Ratten

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