Erfahrungsbericht: Jungböcke integrieren

Anfang Juli 2012 habe ich eine "Frühintegration" durchgeführt.

Also Jungböcke, die jünger als 10 Wochen waren, zu erwachsenen Böcken integeriert.

Gedanken vorab

Bis vor Kurzem habe ich unhinterfragt nachgeplappert, was ich seit Beginn meiner Rattenhaltung gehört und gelesen habe: "Babyböcke unter 10 Wochen darf man nicht zu erwachsenen Böcken integrieren, weil der Größenunterschied viel zu groß ist. Die erwachsenen Böcke können die Babys in Kürze töten. Eine so frühe Integration ist lebensgefährlich."

Bisher kam ich nie auf die Idee, diese Aussage in Frage zu stellen. Doch nun steht eine Frühintegration bei mir an. Zwei Babyböcke sollen zu meinen beiden erwachsenen Böcken Otto und Alpha integriert werden. Und das aus zwei Gründen:

• die letzte Integration mit gleichaltrigen Jungs scheiterte, weil Otto und die anderen Rattis nie auf ein Level der Rangfolge kamen
• Alpha hat einen Bumblefoot und die Heilungschancen sind schlecht; ich möchte nicht erst eine Integration durchführen müssen, wenn er eventuell gestorben ist

Dass Jungböcke direkt nach der Trennung von der Mutter zu erwachsenen Böcken gesetzt werden, ist bei fast allen Nagerarten normal. Farbmäuse, Degus, Steppenlemminge, Chinchillas... Bei diesen Arten habe ich diese Vergesellschaftungen selbst schon durchgeführt.

Nur bei Ratten soll es angeblich anders sein...?

Dass Jungböcke bei erwachsenen Böcken aufwachsen hat aber einige klare Vorteile:

• die Jungböcke lernen von den erwachsenen Tieren wichtige soziale Interaktionen (z.B. Sexualverhalten oder Rangordnungsgebahren)
• die Jungböcke lernen außerdem, sich nicht nur mit gleichaltrigen Artgenossen zu verständigen, sondern auch mit älteren
• auch der Umgang mit Menschen kann ihnen durch erwachsene Tiere beigebracht werden (z.B. keine Angst vor Menschen zu haben)
• erwachsene Böcke greifen ein, wenn die Jungböcke ihr Verhalten spielerisch austesten und dabei zu grob werden

Das alles hat zur Folge, dass die Jungböcke besser sozialisiert sind und im späteren Leben besser klar kommen.

Dass sie in einer vorhandenen Hierarchie aufwachsen und dort hineinwachsen ist ein natürlicher Vorgang. Bei den Wildratten werden die Babys mitten hineingeboren. Denn Wildrattenmütter sperren ihre Jungen nicht bis zur 10. Woche weg, damit kein erwachsener Bock an sie heran kommt.

Natürlich ist mir wohlbewusst, dass man Wildratten nicht mit Farbratten vergleichen kann. Dennoch ist ihr soziales Netz so fein verflochten, dass ein Aufwachsen bei erwachsenen Böcken mehrere klare Vorteile für die Minis mit sich bringt - egal, ob Wild- oder Farbratte.

Der einzige Grund, der von anderen Rattenhaltern dagegen argumentiert, ist der Größen-/ Gewichtsunterschied. Nehmen wir jetzt mal mein Beispiel: Alpha wiegt über 700 g. Jede Ratte mit normalem Körperbau ist ihm unterlegen - immer. Auch einem anderen ausgewachsenen Rattenbock (wie z.B. Otto mit seinen 400 g) könnte er Schmerz zufügen, wenn er es wollte.

Wie lange sollte ich also mit Jungböcken warten, ehe ich sie zu Alpha integrieren kann? Ein halbes Jahr? Ein ganzes Jahr? Sie werden nie größen- und gewichtstechnisch mit ihm auf einem Level sein. Und mein Alpha ist ja keine Ausnahme. Rattenböcke werden oft so groß und schwer - oder sogar noch schwerer.

Wenn man die Logik der Rattenhalter anwendet, die von Frühintegrationen abrät, würde das bedeuten, dass so große und schwere Böcke allein bleiben müssen, weil die anderen Ratten ihnen so oder so unterlegen sind und verletzt werden könnten.

Im Laufe meiner Recherche habe ich mich mit einigen (seriösen) erfahrenen Rattenzüchtern unterhalten. Rattenzüchter haben - wie es ihrer Leidenschaft entspricht - oft Nachwuchs. Und natürlich nicht unendlich Platz, so dass Integrationen oft notwendig sind.

Die meisten Rattenzüchter, mit denen ich mich unterhielt, führen Frühintegrationen durch - und zwar erfolgreich. Sie haben alle dieselben Erfahrungen gemacht:

• die Jungböcke profitieren sozialtechnisch gesehen sehr von dem Zusammenleben mit erwachsenen Böcken
• Integrationen zwischen Jungböcken und erwachsenen Böcken laufen schneller und ruhiger ab

Uns allen ist bekannt, dass Ratten sehr intelligent sind.
Es gibt bei Ratten zwar keinen Welpenschutz, aber Ratten sind auch nicht dumm.

Wenn Rattenkinder auf erwachsene Böcke treffen, sind zwei Dinge klar:

1. Die Babys sind sich darüber im Klaren, dass sie den Kürzeren ziehen würden, würden sie die Rangordnung in Frage stellen. Denn sie wissen, dass sie viel jünger und viel, viel kleiner sind als die "dicken Brocken".

2. Die erwachsenen Böcke wissen, dass die Babys ihnen die Rangfolge nicht streitig machen werden, denn dafür sind sie viel zu klein. Zudem besitzen die Jungböcke noch gar kein Revierverhalten. Das bildet sich erst nach der 10. Woche heraus.

Das bedeutet also, dass es vor der 10. Woche gar keinen Grund gibt, Rangkämpfe auszufechten, denn es ist klar, dass die Babyböcke sich ganz unten in der Rangfolge ansiedeln - und zwar stillschweigend, also ohne Kämpfe. Nach der 10. Woche allerdings, wenn sich das Revierverhalten der Babys langsam herauskristallisiert, sind Rangkämpfe notwendig, um den kleinen aufmüpfigen Kerlchen zu zeigen, wo ihr Platz im Rudel ist.

Was ist also für die Babys gefährlicher? Vor oder nach Ablauf der 10. Woche zu integrieren?

Der gesunde Menschenverstand sollte einem sagen: Vor der 10. Woche.
Und aus diesem Grund werde ich so eine Frühintegration vor der 10. Woche durchführen.

Mir wurde von den Rattenzüchtern ein entscheidender Tipp mit auf den Weg gegeben: "Du kennst deine Ratten am Besten; du kannst sie am Besten einschätzen. Höre auf dein Bauchgefühl und wenn du glaubst, die Charaktere passen zueinander, dann versuch es."

Damit ist eins ganz klar: Hat man einen erwachsenen Rattenbock, der sich bei früheren Integrationen schon wie ein Irrer auf fremde Ratten gestürzt hat, um sie ohne jegliche Vorwarnung zu beißen und anderweitig zu verletzen, sollte man mit diesem Bock natürlich keine Frühintegration durchführen.

Aber solche Verhaltensweisen sind völlig artuntypisch und kommen - Gott sei Dank - sehr selten vor.

In jedem Falle kann es nur von Vorteil sein, wenn der Halter bereits Integrationserfahrungen mit Ratten machen konnte, ehe er sich an eine Frühintegration wagt.

Nachtrag: Eine Integration mit Otto und Alpha war zu dem Zeitpunkt, als Freddy und Theo zu mir kamen, nicht mehr möglich, da beide zu krank dafür waren und kurze Zeit später eingeschläfert wurden. Stattdessen wurden die beiden Kleinen mit drei erwachsenen Jungs vergesellschaftet.

eigene Erfahrungen

Die beiden Babyjungs, für die ich mich entschied, heißen Theo und Freddy. Zum Zeitpunkt des ersten Zusammentreffens mit den erwachsenen Jungs (zwei Vollböcke, ein Kastrat) sind die beiden Kleinen 8 Wochen alt.

Innerhalb von 5 Sekunden sah ich dieses Bild:

erstes-zusammentreffen-3hp erstes-zusammentreffen-6hp

Ein Kuschelhaufen.

Danach passierte nicht mehr viel. Die Kleinen wurden genau beschnuppert, geputzt und danach behandelt, als würde man sie schon ewig kennen. Zwischendurch wurden die Kleinen ein paar Mal unterworfen (umgeschubst und auf dem Rücken liegend geputzt). Aber das alles ohne Geschrei, ohne Gequieke, ohne Geborstel, Gefauche oder Geboxe.

Alles sehr harmonisch und friedlich.

Ganz anders, als ich es von bisherigen Bock-Integrationen gewohnt war.

Im weiteren Verlauf der Integration ging es immer so weiter.  Die beiden Kleinen hatten vor allem viel Kuschelbedarf, den sie an den so viel größeren Jungs stillen konnten.

Nach 14 Tagen konnte ich die Integration erfolgreich abschließen. Dass es so lange gedauert hat, lag daran, dass Karl (auf den Bildern der "Rote") ein Problem damit hatte, seine Sachen mit den Kleinen zu teilen. Wäre das Problem nicht gewesen, hätte ich sie schon nach einer Woche zusammen in einen Käfig setzen können.

So brauchte Karl etwas länger, sich daran zu gewöhnen, dass da zwei Neue sind.

Das Ende dieser gelungenen Integration sah dann schlussendlich so aus:


kuschelbilder-nach-inti-4 kuschelbilder-nach-inti-2


Fazit

Nach dieser Erfahrung kann ich - wenn die Tiere dafür geeignet sind - eine Integration mit Jungböcken unter 10 Wochen nur empfehlen. Die Lage war viel entspannter, als wenn man erwachsene Böcke mit ebenfalls erwachsenen Böcken vergesellschaftet.

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