Interview mit Paulchen - eine ehemalige Futterratte erzählt...

 

Hallo Paulchen, ich bin wirklich sehr froh, dass du dich zu diesem Interview bereit erklärt hast. Erzähl doch mal was über dich.

 

Ja, also ich bin Paulchen, ein Black berkshire Rattenbock. Und ich bin ziemlich aufgeschlossen, bewege mich gern und viel und mag sehr gerne Kürbiskerne.

 

Ja... äh, ich dachte, du erzählst lieber was aus deinem bisherigen Leben. Wo bist du z.B. aufgewachsen?

 

Aufgewachsen? Ach, du meinst, wo ich geboren wurde? Ja, das war in einem kleinen Glasbecken.

 

 

Und wie war es da so?

 

Hm... nicht so schön. Meine Mama und meine Geschwister - wie waren zu elft - hatten nicht besonders viel Platz. Meine Mama konnte zwei Sätze in die Länge und einen in die Breite machen. Als meine Geschwister und ich größer wurden, wurde es wirklich sehr eng.

 

Wie war das Glasbecken denn eingerichtet?

 

Mit Streu.

 

Und sonst?

 

Sonst nichts. Nur Streu.

 

Aber womit hat eure Mama denn dann ihr Nest gebaut?

 

Sie hat eine Mulde im Streu gegraben. Wenn wir Angst hatten, sind wir immer unter ihren Körper geschlüpft.

 

Hattet ihr denn oft Angst?

 

Joa, schon. Der Mensch, der immer kam und uns Futter brachte, der war gemein. Der hat uns immer am Schwanz hoch gehoben. Das hat weh getan. Wir haben dann auch immer ganz laut geschrien, dass er uns los lassen soll, aber er hat nicht auf uns gehört.

 

Warum habt ihr ihn denn nicht einfach ganz fest gebissen? Vielleicht hätte er es dann gelassen.

 

Nein, sowas macht man nicht.

Man beißt einen Menschen nur, wenn er einen umbringen will. Sonst macht man sowas nicht.

 

Wie ging es weiter? Seid ihr irgendwann ausgezogen?

 

Also, ob meine Geschwister ausgezogen sind, weiß ich nicht. Aber ich wurde mit 3,5 Wochen abgeholt. Da kam so ein anderer Mensch, der zeigte durch das Glas mit dem Finger auf mich. Ich wurde dann am Schwanz rausgeholt und in einen Karton gesetzt, der dann zugemacht wurde. Meine Güte, hatte ich Angst! Ich hörte meine Mama schreien. Sie rief immer wieder: "Nein! Noch nicht! Er ist noch viel zu klein!" Aber die beiden Menschen haben sich davon nicht beeindrucken lassen.

 

Und was geschah dann?

 

Es wurde ohrenbetäubend laut! Und kalt. Und nass. Ich glaube, mein Karton wurde auf ein Moped geschnallt. Jedenfalls hab ich das später mal jemanden sagen hören. Ich weiß nicht, was ein Moped ist, aber es war total laut und weil es geregnet hat, wurde der Karton, in dem ich saß, ganz klamm und ich hab sehr gefroren.

 

Das ist ja furchtbar! Kamst du dann in ein Zuhause?

 

Zuhause? Nein. Der Mensch, der mich mitgenommen hatte, trug mich in sein Haus und holte mich dann aus meinem Karton. Am Schwanz natürlich. Ich schrie, weil es immer noch so weh tat, obwohl ich mich eigentlich schon daran hätte gewöhnen müssen.

 

Paulchen, niemand muss sich an Misshandlungen gewöhnen!

 

Naja, aber es machte ja sowieso keinen Sinn zu schreien. Diese Menschen verstanden das einfach nicht. Jedenfalls setzte er mich dann wieder in einen Glaskasten. Da war es schön warm und ich dachte zuerst, dass nun doch alles gut werden würde. Aber... aber... Entschuldige, aber ich kann das nicht erzählen.

 

[Paulchen über das Köpfchen streichel]

Atme tief durch. Wir beide sind hier völlig allein. Du kannst ganz frei reden.

 

Da kam ein Monster! Meine Mama hatte uns Kindern davon erzählt. Manche von ihnen fressen uns. Manche kommen vom Himmel runter - die heißen Greifvögel - und andere - die heißen Schlangen - schleichen sich so heran. Aber sie sagte, das sei ein Mythos. Unsere wilden Vorfahren hätten damit zu kämpfen gehabt. Aber wir müssten keine Angst mehr davor haben. Aber da war so eins! Es zischte und es wollte mich fressen. Ich hatte solche Angst! Es war wirklich schrecklich. Immer wieder versuchte das Monster, mich zu schnappen und zu beißen. Ich bin ihm ausgewichen, so gut ich konnte. Bin weg gerannt und habe Haken geschlagen. Aber egal, wohin ich lief - da war immer eine Wand. Ich konnte nicht entkommen!

 

Hast du dich nicht verteidigt? Du hast doch total scharfe Zähne!

 

Man beißt nicht einfach so zu. Hab ich doch vorhin schon gesagt. Das macht man einfach nicht. Aber wenn das eigene Leben in Gefahr ist... naja, mir blieb nichts anderes übrig. Also, ja, ich hab das Monster gebissen. Ich bin um es herum gelaufen und habe es dann in den Bauch gebissen. So fest ich konnte, bis ich Blut geschmeckt habe. Das Monster wand sich und hatte Schmerzen.

 

Ließ es dich dann in Ruhe?

 

Nein, der Mensch kam, griff nach meinem Schwanz und riss mich aus dem Glaskasten. Er brüllte mich an: "Du Mistvieh!" Und dann stopfte er mich wieder in den Karton zurück.

 

Und dann?

 

Da war noch ein anderer Mensch. Ich hörte dann nur so Gesprächsfetzen. "... werd das Mistvieh entsorgen!" und "... kannst du doch nicht machen!" und "Dann nehm ich sie!" Und dann wurde der Karton wieder auf gemacht und ein Menschenweibchen griff nach mir. Ich erwartete schon den Schmerz am Schwanz, aber sie griff mich dort gar nicht. Sie schob ihre Hand unter meinen Bauch und hob mich raus. Das gefiel mir. So hatte mich bisher noch keiner hoch gehoben. Es tat gar nicht weh!

 

Wer war das denn?

 

Keine Ahnung. Sie war irgendwie plötzlich da. Eine Freundin von dem Monsterbesitzer, glaube ich. Sie tröstete mich und sagte, ich solle keine Angst haben. Es würde alles gut werden. Und dann setzte sie mich in den Karton zurück und nahm mich mit. Es war nur eine kurze Reise. Wenige Minuten später öffnete sie den Karton wieder und da war noch ein zweites Menschenweibchen.

 

Waren die nett?

 

Ja! Ich hab rumgeschnüffelt und mich umgesehen, deswegen hab ich mich nicht so auf das konzentriert, was sie gesagt haben, aber der kleine Mensch erklärte dem großen, dass sie mich gerettet hätte. Und dann holten sie einen Käfig. Und ich dachte "Oh-oh, wer da wohl drin wohnt..." Ich ahnte schon wieder Schreckliches, als sie mich reinsetzten. Aber der Käfig roch so, als wäre niemand anders darin und so war es dann auch. Da war nur ich.

 

Du hattest also ein neues Zuhause?

 

Ja. Es war nicht groß, aber es war meins. Und einige Zeit später, bekam ich ein größeres. Die Menschen hatten mir einen kleinen Aktenschrank umgebaut. Mit drei Etagen! Das war toll da drin. Ich konnte klettern und hatte vier verschiedene Schlafmöglichkeiten - richtig toll!

 

 

Und hattest du auch Kumpels?

 

Nein, leider nicht. Aber die Menschen waren sehr lieb zu mir. Sie haben manchmal den Käfig auf gemacht und mit mir im Wohnzimmer rumgealbert. Ich durfte auf ihnen rumklettern. Da gab es auch eine Katze. Vor der hatte ich ein bisschen Angst, aber die Menschen achteten darauf, dass sie nicht im Zimmer war, wenn der Käfig offen war. So beobachteten die Katze und ich uns nur immer gegenseitig durch die Käfigtür. Das war okay. Mein Nachbar war ein Zwerghamstermädchen. Ich hab nie mit ihr gesprochen, aber sie sah von Weitem ganz nett aus.

 

Warst du nicht traurig, dass du keine Kumpels hattest?

 

Doch schon. Aber ich hatte das Gefühl, ich sollte mit dem glücklich sein, was ich hatte. Es gab keine Monster und die Menschen waren nett. Ich hatte einen tollen Käfig und keinen Glaskasten mehr. Da muss man doch dankbar sein!

 

Ja, du hast vermutlich recht. Wie ging es dann weiter?

 

Das weißt du doch!

 

Na, ich möchte aber, dass du es erzählst. Für die anderen Ratten und Menschen da draußen, die unsere Seite besuchen. Verstehst du? Erzähl es aus deiner Sicht!

 

Okay.

Also, eines Tages kam ein Mensch vorbei - das warst du. Die beiden anderen Menschen hatten mich schon darauf vorbereitet und mir gesagt, dass ich nun bald ausziehen würde. Ich hatte wieder ganz arg Herzklopfen. Denn ich wusste ja nicht, ob es wieder besser oder wieder schlimmer werden würde. 

Du sahst ja ganz nett aus, aber darauf kann man sich als Ratte nicht verlassen. Du machtest den Käfig auf und sahst mich an. Ganz leise, so dass ich genau hinhören musste, sagtest du: "Na, du kleiner Mann? Willst du wohl mit mir mitkommen?"

 

Ich wusste gar nicht, was ich antworten sollte. Mich hatte ja noch nie ein Mensch nach meiner Meinung gefragt. Also entschloss ich erstmal, skeptisch zu bleiben und nichts zu sagen. Das junge Menschenweibchen kam dann und setzte mich mitsamt meinem geliebten Sputnik in eine kleine Plastikbox und verabschiedete sich. Da wurde ich wieder traurig. Wenn diese Box nun mein neues Zuhause war, wollte ich lieber nicht mit dir mitkommen.

 

Oh Gott, aber das war doch nur eine Transportbox, Paulchen!

 

Ja, aber damals wusste ich das ja noch nicht!

Wir fuhren dann Auto. Ich war noch nie Auto gefahren! Das war ganz unheimlich. Nicht so laut, wie auf nem Moped, aber in der Box war es so hell und alles flog so schnell an uns vorbei. Das war gruselig. *gluckst* Aber du hast immerzu mit mir gesprochen. Du hast gesagt: "Hab keine Angst, Kleiner." und "Bald sind wir da." Ich wusste ja nicht was "da" bedeutet.

Als wir dann "da" waren, nahmst du mich raus, trugst mich ins Haus und da hast du mich freiwillig (das war ja noch nie da!!) aus der Box in einen Käfig laufen lassen. Du hast mir die Wahl und ganz viel Zeit gelassen. Das fand ich toll!

 

Der Käfig war groß und schön und meinen Sputnik gabst du mir auch mit rein. Weißt du, mein Sputnik bedeutet mir echt viel. Das war mein erstes eigenes Haus!

 

Ich weiß! [grinst]

 

 

Jedenfalls war es da ganz hübsch. Und du sagtest plötzlich: "Willkommen in deinem neuen Zuhause! Bald lernst du auch die anderen kennen. Du musst nicht allein bleiben."

Zuerst freute ich mich ja. Aber dann hatte ich auch Angst. Abgesehen von Mama und meinen Brüdern und Schwestern hatte ich ja noch niemand anderen gesehen. Wenn die mich nun nicht mögen würden!?

Aber dann hab ich sie dir ja erstmal ganz ordentlich vorgestellt, nicht?

Ja. Du hast uns alle zusammen auf den Boden gesetzt und hast uns einander vorgestellt. "Theo, Freddy, das ist Paulchen. Paulchen, das sind Theo und Freddy", hast du gesagt. Die waren sooo grooooß! Ich hatte echt totale Angst! Aber du warst ganz ruhig und eigentlich waren Theo und Freddy auch ganz ruhig. Sie haben mir nur mit ihrer Größe solche Angst gemacht.

Haben die beiden dann was zu dir gesagt?

 

Ja. Sie waren sehr nett. Freddy stellte sich mir als der Rudelchef vor. Er sagte, es gäbe nicht viele Regeln in diesem kleinen Rudel. Eigentlich nur eine: Alle sollen machen, was er sagt. Das fand ich erstmal etwas merkwürdig, aber solange ich das machte, was er sagte, war er echt freundlich.

 

 

Hast du denn auch mal was gemacht, was du nicht solltest? [grinst]

 

Najaaaaa... manchmal ging's mit mir durch. Dann hat Freddy mit mir geschimpft. Hat mir eine runter gehauen. Manchmal macht er das heute noch, wenn ich austicke. [grinst] Aber das ist okay. Er ist fair!

 

Theo und Freddy haben mir im Laufe unserer Kennenlernphase gezeigt, dass es ganz normal ist, wenn man erst Angst hat.

 

Haben sie dir noch was Wichtiges gesagt?

 

Ja. Freddy sagte mir ein paar Tage nach meinem Einzug, dass er eine ganz andere Kindheit hatte, als ich. Er kam bei vielen anderen Ratten zur Welt, die auch einen richtig großen Käfig und tollen Auslauf hatten. Er durfte bis zur 5. Woche bei seiner Mama bleiben, ehe du ihn und Theo dort abholtest. Und die beiden saßen dann hier auch großen Jungs gegenüber. Aber die haben ihnen ganz viele sinnvolle Sachen beigebracht. Und Freddy hat mir diese sinnvollen Sachen dann auch mit auf den Weg gegeben.

 

Zum Beispiel?

 

Naja, als die beiden Kleinen, Fiete und Hugo, vor Kurzem zu uns kamen, war ich erst verwirrt. Ich konnte mit größeren Jungs, wie Theo und Freddy, umgehen. Aber mit Kleineren hatte ich gar keine Erfahrung. Freddy und Theo waren bei mir, als ich Fiete und Hugo kennen lernte und gaben mir Selbstvertrauen. Sie haben mir immer wieder gesagt, dass ich ganz cool und locker bleiben soll. Und so sind Fiete und Hugo meine besten Freunde geworden.

 


Du lebst jetzt also mit zwei älteren und zwei jüngeren Jungs zusammen. Findest du das gut?

Es ist absolute Weltklasse!

Ich liebe es! Ich liebe jeden Tag! Es ist wahnsinnig toll, ein eigenes Rudel zu haben!

 

Und dein Käfig? Der ist 200 cm lang, 58 cm tief und 115 cm hoch. Findest du den auch gut?

 

Ja! Da kann man richtig drin herum rennen und ich kann viel mit Fiete und Hugo spielen.

 

Und natürlich eine egoistische Frage meinerseits: Bist du auch mit mir zufrieden?

 

Es hat ne Weile gedauert, bis mir klar war, dass du ein netter Mensch bist. Ich musste dich erst einschätzen lernen. Du hast mir ein tolles Leben geschenkt! Ich mag dich sehr, ja. Vor allem, wenn du Leckerlis dabei hast. Hast du gerade zufällig was mit? Ich kriege gerade so'n Hüngerchen...

 

Echt mal! Wir reden hier über dein Leben und du denkst nur ans Essen!

 

Reden macht hungrig! [entrüstet schaut]

 

Im Ernst: Gibt es rückblickend noch was zu sagen? Oder gibt es was, das du anderen Ratten oder Menschen gern sagen würdest?

 

Ja! Gebt niemals die Hoffnung auf! Niemals!

 

 

Vielen Dank, dass du dir die Zeit für dieses Interview genommen hast, mein Schnuffelchen!

 

Pssst! Sprich in der Öffentlichkeit nicht so mit mir!

© Anna Jedamczyk (Aufgrund der Tatsache, dass ich nicht alles 100 %ig genau aus Paulchens Leben weiß, habe ich mir im Rahmen der dichterischen Freiheit erlaubt, die Erzählung ein wenig auszuschmücken.)

Dies ist eine mit page4 erstellte kostenlose Webseite. Gestalte deine Eigene auf www.page4.com